«Lieblingssänger» des Dalai Lama
Der in Kehrsatz wohnende Tibeter Loten Namling möchte im Oktober den Dalai Lama nach Bern bringen
Als Musiker reist er durch die Welt und pflegt das kulturelle Erbe seines Heimatlandes. Nun möchte der in Kehrsatz wohnende Tibeter Loten Namling den Dalai Lama nach Bern bringen.
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Der Tibeter Loten Namling singt im Garten
seines Hauses in Kehrsatz Lieder des
sechsten Dalai Lama. |
espace.ch, 20.01. 2008
Schon sieben Mal hat Loten Namling vor dem Dalai Lama gesungen. Zuletzt im vergangenen Juli in Freiburg im Breisgau. Einen 500 Jahre alten tibetischen Rap trug er ihm vor –worauf «seine Heiligkeit die starke und kräftige Stimme» seines «Lieblingssängers» lobte, wie das Blatt «Bild Stuttgart» meldete. Nun möchte der in Kehrsatz lebende Exil-Tibeter den Dalai Lama im Oktober nach Bern einladen. «Das genaue Datum ist noch nicht bekannt», sagt der Präsident der bernischen Tibeter-Gemeinschaft. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass es klappen wird.» Gespräche seien am Laufen, unter anderem mit dem Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät. Der städtische Informationsdienst konnte dazu auf Anfrage keine Auskünfte erteilen.
Dalai Lama auf dem Bundesplatz
Geplant sei eine Zusammenkunft des Dalai Lama mit Vertretern des Hauses der Religionen in Bern, wo dereinst sechs Weltreligionen unter einem Dach vereint sein sollen, so Loten Namling. Auch ist ein Besuch des tibetischen Oberhauptes im Einstein-Haus vorgesehen, liegt dem Dalai Lama doch die Wissenschaft sehr am Herzen. Loten Namling hat aber auch einen eigenen, ganz persönlichen Wunsch: «Ich möchte, dass der Dalai Lama auf dem Bundesplatz eine Rede über Frieden, Liebe und Mitgefühl halten wird.» So hätten viele Menschen die seltene Möglichkeit, den Worten des Dalai Lama zu lauschen. Und es wäre auch ein schöner symbolischer Akt, so der 44-jährige Tibeter, wenn der Dalai Lama diese Rede vor dem Zentrum der Schweizer Politik halten würde.
Die Lieder der Heimat
Namling erinnert sich genau an das erste Mal, als er, noch ein Kind, den Dalai Lama sprechen hörte. «Ihr seid der Samen des Tibet», habe er zu den kleinen Zuhörern gesagt – Worte, die Loten Namling prägen sollten. Sein Heimatland Tibet hat er nie gesehen. 1963 kam er im nordindischen Darjeeling zur Welt. Später siedelte die Familie nach Dharamsala um, wo auch die tibetische Exilregierung ihren Sitz hat. Seine Eltern waren 1959 geflohen. In diesem Jahr gab es – zehn Jahre nach der Annexion Tibets – einen Volksaufstand, den China blutig niederschlug. Der Dalai Lama verliess Tibet. Namlings Familie flüchtete zu Fuss nach Indien. Sein Grossvater war der letzte Finanzminister des Dalai Lama in Tibet gewesen. In den Flüchtlingslagern beobachtete Namling die alten Tibeter. Ob beim Bestellen der Felder oder beim Hausbau: Immer hatten sie ein passendes Lied parat, das sie auf ganz natürliche Weise vor sich hin sangen. «Das hat mich unheimlich bewegt», erzählt er.
Die eigenen Wurzeln
Es sei wichtig, die eigenen Wurzeln zu kennen, sagt der Tibeter. «Integration heisst nicht, die eigene Identität aufzugeben.» 1989 kam er in die Schweiz und arbeitete im Pestalozzidorf in Trogen als Erzieher. Heute lebt er mit seiner Partnerin, einer Schweizerin, und den zwei Kindern in Kehrsatz. Er ist Hausmann und reist als Musiker durch die Welt. Es sind vor allem die traditionellen Lieder des sechsten Dalai Lama, die er mit seiner Laute, der Dranyien, vorträgt. Zudem verfolgt er Projekte mit westlichen Künstlern aus dem Rock- und Jazzbereich.
Dalai Lama als Karikatur
Auch mit Karikaturen hat er sich einen Namen gemacht. Gleich mit seiner ersten Zeichnung sorgte er für Aufsehen: Sie zeigte den Dalai Lama, wie er einen Karren aus dem Sumpf zieht. Tibeter sitzen betend im Wagen. «Das kam bei konservativen Tibetern nicht gut an», erinnert er sich. «Sie störten sich daran, dass ich den Dalai Lama in einem Cartoon dargestellt habe.» Er habe zum Ausdruck bringen wollen, dass die Tibeter nicht ihr geistliches Oberhaupt anbeten, sondern sich aus eigenen Kräften für die Sache Tibets engagieren sollten.
Als anerkannter Flüchtling mit Ausweis C sind für Namling gewisse Reisen mit Problemen verbunden. So auch im vergangenen Dezember, als seine Mutter in Indien verstarb. Schon vor ihrem Tod ersuchte er die indische Botschaft in Bern um ein Visum, um die Mutter, zu der er eine starke Bindung hatte, noch einmal sehen zu können.
Kein Visum für Indien
Man beschied ihm aber, dass die Regelung verschärft worden seien. Das Ausstellen eines Visums könne zwischen mehreren Monaten und einem Jahr dauern. Die indische Botschaft bestätigte dies auf Anfrage, wollte sich aber zu den Gründen nicht äussern. «Anweisungen aus Delhi», hiess es. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) habe von dieser Bestimmung bislang keine Kenntnis, sagte der Leiter des Informationsdienstes, Jean-Philippe Jeannerat. Ein Staat sei nicht dazu verpflichtet, ein Visum zu erteilen, sondern könne sich diesbezüglich souverän verhalten, erklärt er.
Kein Abschied von toter Mutter
Nach der Nachricht vom Hinschied seiner Mutter sprach Loten Namling erneut auf der Botschaft vor. Dieses Mal sei er laut geworden, habe emotional reagiert, sagt er. Die Botschaft rief die Polizei. Er habe sich ohnmächtig und von der Botschaft ungerecht behandelt gefühlt, erzählt der Tibeter. «Es war, als befinde ich mich in Nordkorea.» Es sei doch eine Ausnahmesituation, wenn die Mutter sterbe. Er wolle darüber reden, in der Hoffnung, dass sich die Situation für die Hunderten von Tibetern, die ebenfalls ihre Verwandten in Indien nicht besuchen können, verbessern werde. Namling hofft noch immer, dass er nach Indien aufbrechen kann. Es sei nach buddhistischer Auffassung wichtig, innerhalb der 49 Tage des Bardo, der Zeitspanne zwischen Tod und Wiedergeburt, von der verstorbenen Person Abschied nehmen zu können.
Flüchtlingsdasein als Schicksal
«Es wäre einfacher, den Schweizer Pass zu besitzen», weiss er . Doch das möchte der Tibeter nicht: «Es ist mein Schicksal, ein Flüchtling zu sein, und ich will den Problemen nicht ausweichen, sondern sie angehen.» Sein Traum wäre es, eines Tages nach Tibet zu reisen – mit einem tibetischen Pass in ein freies Land.
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